Notizen um Spurenlesen

In der vorliegenden Allegorie handelt es sich also nicht bloß um
einen rezeptiv schauenden Wissenschaftler, der die »Natur« sprechen läßt; er geht vielmehr
voran, indem er die schweigende Natur »zum Sprechen bringt«: Und zwar bringt
er sie zum Sprechen, indem er ihre Spuren interpretiert.Das ist die Pointe, die dieses Erkenntnismodell strukturell dem »Spurenparadigma«
annähert. »Beobachtung« und »Theorie« werden auch hier gemacht und nicht mehr nur
empfangen. Aus der »vernehmenden Vernunft« ist eine bis zu einem gewissen Grade
schon konstruktive, zumindest eine rekonstruktive (aus Spuren rekonstruierende)
Vernunft geworden.Die Spuren der Natur sind keine bloßen
Fakten der Naturwissenschaften, sondern verweisen auf etwas, was sie selber und an
sich nicht sind. Das heißt, sie sind (auch und vor allem) Zeichen. Es ist vielleicht eher, jedenfalls auch
ein neuzeitlicher Versuch, der beginnenden ökonomischen und wissenschaftlichen
Neuzeit geistigen Widerstand und eine Art Utopie entgegenzusetzen, die auf vormoderne
Vorstellungen zurückgreift. Dann hätte das alles
(wie später die »Landschaft«) vielleicht von vornherein etwas von einer Konstruktion
und Kompensation an sich gehabt, und dann wäre auch der alte Naturforscher von Anfang
an eine zugleich moderne und nostalgische Figur sowie ein direkter Vorgänger der
heutigen »Alternativwissenschaften«, die so gern auf alte Weisheiten zurückgreifen,
und vielleicht auch, wenngleich auf andere Weise, eine Vorprägung der spurenlesenden
Laien- und Alltagswissenschaften von heute.Kurz, wie der alte Naturforscher betrachten wir beim Spurenlesen das Inventar der
physisch-materiellen Welt nicht oder doch nicht nur und nicht einmal vorrangig als naturwissenschaftliche
Gegenstände, die der physisch-materiellen Welt angehören, sondern
als Artefakte.Das Erkenntnismodell ist im Prinzip gleich
geblieben: der neue wie der alte Spurensucher sondiert, »betastet«, »untersucht«, »befragt
« das Terrain, die Steine, das Holz, die Fußspuren, er verfolgt also das gleiche Inquisitionsparadigma
der Erkenntnis wie der alte. Aber es gibt auch große Unterschiede zum alten Naturforscher. Erstens: Nicht mehr
»die Natur«, sondern nur ein rayon, ein terrain, ein vergleichsweise winziger Weltausschnitt
ist Gegenstand, eine Stadtbrache, die im Roman sogar auf einer Lageskizze ca.
1:500 festgehalten wird, und was sie interessant macht, ist nicht mehr, daß sie ein Teil
der ganzen Natur oder der einen Schöpfung ist; sie ist nur zufällig-historisch interessant
geworden, wird einen Augenblick lang von den Scheinwerfern des Erkenntnisinteresses
– um im Text zu bleiben: den Laternen der Neugier – bestrahlt und wird bald wieder
gleichgültig und dunkel sein.Wenn man sich in der wissenschaftstheoretischen Literatur (im weitesten Sinn) umsieht,
dann sieht man, daß eine solche Spurendekodierung eine ähnliche Form wie eine
sogenannte narrative Erklärung hat, und weil es sich (vereinfacht gesagt) um einen
»Schluß« von der Wirkung auf die Ursache handelt, handelt es sich gleichzeitig um eine
Abduktion.

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